Die Geschichtentischlerei

Wie in einer Tischlerei in Berlin-Kaulsdorf Geschichten aus Holz gezimmert werden

“Wir haben hier zwei Holzbohlen für Sie.” “Meister, können Sie mir kurz helfen?” “Guten Tag, wir hätten gerne genauso eine Tür, wie Sie sie hier haben. Bis wann bekommen Sie das hin?”

Sabine Franke, Stefan Krause und ihre Hobbytischlerei sind gefragt. Immer wieder werden wir in unserem Gespräch unterbrochen. Kein Wunder, eine Tischlerei in diesem Format gibt es in der gesamten Bundesrepublik kein zweites Mal. Vor mittlerweile 14 Jahren hat Sabine Franke sie ins Leben gerufen, während sich ihr Mann, Stefan Krause, von einer schweren Krankheit erholte.

“Das Schönste ist, wenn wir am Ende die leuchtenden Augen eines glücklichen Kunden sehen”, sagt Frau Franke und zeigt mir dabei ein Bild von einem Mann, der freudestrahlend auf seinem selbstgebauten Tisch sitzt.

Vieles an diesem Ort erzählt Geschichten. Während unseres Gesprächs sitzen wir an einem hellen Vollholztisch im Büro neben der Werkstatt. Er wirkt robust und gleichzeitig grazil, eine schöne Maserung ist zu erkennen und nur einzelne kleine Risse im Holz sind Zeugen der Geschichte, die es schon erlebt hat. “Das waren früher einmal Dachbalken” erzählt mir Stefan Krause und klopft dabei mit der Faust auf den Tisch. Diese wurden im Dach nicht mehr gebraucht und von dessen Besitzer aussortiert. Die Vorstellung, dass diese stattlichen Dielen des Daches auf dem Wertstoffhof landen, machte Stefan Krause unglücklich –  und so nahm er sie mit und baute aus ihnen in feiner Handarbeit einen Tisch für sein Büro.

Stefan Krause und sein Team verhelfen in der Werkstatt in Berlin-Kaulsdorf nicht nur aussortierten Dachbalken zu neuem Sinn. Auch aus ausrangierten Eisenbahnschwellen, Treib- und Brandholz und Alt-Berliner Türen haben sie schon Möbel getischlert. Diese Erfahrung im Umgang mit geschichtsträchtigem Holz geben sie heute gerne an ihre Kund*innen weiter.

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Foto: florianreimann.com

Wir gehen in die Werkstatt. Es ist laut. Große, wandtafelgrüne Maschinen laufen. Die Luft riecht nach warmem Holz. Zwei Mieter werkeln an ihren Möbeln. Dieser Raum lebt und erzählt Geschichten. Ein Kunde baue sich gerade einen Tisch, der Alt und Neu verbinde, sagt mir Stefan Krause mit einem zarten, stolzen Lächeln. Dieser habe sich einen der Baumstämme ersteigert, die einst das Fundament des Berliner Stadtschlosses trugen. Bis zu 3.000 Holzpfähle ließ der “Soldatenkönig” Friedrich Wilhelm I. Anfang des 18. Jahrhunderts in den Berliner Sumpfboden rammen, um den Schlossbau seines Hofarchitekten Andreas Schlüter abzusichern, berichtet Stefan Krause. Das Holz, das fortan nicht mehr ein Schloss, sondern, eingelassen  in eine Multiplex-Tischplatte, Kaffeetassen und 3-Gänge-Menüs tragen wird, hat also bereits die Berliner Stadtgeschichte mitgeprägt.

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Foto: florianreimann.com

Einmal, so erzählt mir Stefan Krause, kamen fünf Lehrer in seine Werkstatt, um gemeinsam ein Stehpult zu tischlern. Die Lehrer bauten einige Wochenenden an ihrem Möbelstück und nahmen am Ende ein wunderschönes Stehpult mit in ihre Schule – brusthoch und aus massivem Buchenholz. Während dieser Zeit hätten sie nicht nur das professionelle Möbelmachen gelernt, sondern auch eine neue Form der Zusammenarbeit. Gerade der Umgang mit Holz und handwerklichen Materialien förderte die Achtsamkeit im Team und trug zur Entschleunigung der Gruppe bei.

Hier kannst du nachlesen, wie die fünf Lehrer auszogen, um das Schreinern zu lernen.

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Foto: florianreimann.com

Eine letzte Geschichte erzählt mir seine Frau. Ein Hobbytischler habe sich einen Tisch aus etwa 200 Jahre altem Holz gebaut, das früher einmal kroatische Bauernhäuser stützte. Zwei Tage arbeitete er gemeinsam mit den Profis in der Werkstatt. Das Ergebnis war eine Tafel aus altem Eichenholz, die so massiv war, dass sie kaum zu zweit aus der Werkstatt zu tragen war.

Wie sich Hilmar Poganatz seinen Vintage-Tisch gebaut hat, erfährst du hier.

Es sind Geschichten wie diese, die Stefan Krause und Sabine Franke glücklich machen.

“Herr Krause, wo sollen wir die alten Dielenbretter ablegen?” Ein Kunde kommt herein und beansprucht die Aufmerksamkeit des Tischlerprofis. Auch Sabine Franke ist anzumerken, dass ihre To-Do-Liste für den heutigen Tag noch lang ist. Ich gewähre ihnen die Zeit gerne, denn ich weiß, dass hier gerade wieder neue Geschichten entstehen, in denen Freizeithandwerker*innen und Möbelliebhaber*innen unter professioneller Anleitung ihre Wünsche zu Möbeln machen.  

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