Wie ein Mahagoni-Schrank Glück, Trauer und Erinnerungen speichert

Jede Maserung des Holzes scheinen sie zu kennen. Eine der liebevoll verzierten Scheiben hat einen Sprung. Diese zu reparieren würde jedoch bedeuten, sich von den Verzierungen zu trennen. So haben sich meine Großeltern mittlerweile an den Sprung in der Scheibe gewöhnt und ihn geradezu liebgewonnen.

Schon als kleines Kind habe ich aus ihm Bauklötze und andere Spielsachen geholt. An der ausklappbaren Arbeitsfläche habe ich mir dabei das ein oder andere Mal den Kopf gestoßen. Dieses Mal besuche ich meine Großeltern, um die Geschichte des alten Mahagoni-Schrankes zu verfolgen, die über meinen kleinen Kinderkosmos hinausgeht. Ich möchte herausfinden, wieso meine Großeltern diesen großen und schweren Schrank bei ihrem Umzug in eine kleinere Wohnung mitgenommen haben. Was gibt er ihnen, das ein neuer Schrank nicht vermag?

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Foto: Linda Kallsen

“Er ist etwas besonderes, weil man weiß, dass er ein Einzelstück ist. Genau so gibt es keinen zweiten auf dieser Welt”, sagt mein Opa.

Tatsache: Etwa 1890 in Meerbeck, einer kleinen Gemeinde im Schaumburger Land gebaut, wurde der gesamte Schrank in Handarbeit hergestellt. Jeder Schnitt mit der Hand gesägt, jede Verzierung ohne unterstützende Maschinen hineingefräst. Wenn man ihn so anschaut, kann man nur erahnen wie viel Zeit, Schweiß und Liebe in die Herstellung dieses Möbelstückes geflossen sind. Das hat sich ausgezahlt, denn der Schrank steht noch immer stabil und fast unversehrt an seinem Platz.

Zwei Weltkriege hat der Mahagoni-Schrank über- und weitere schlimme Schicksalsschläge erlebt: Sein vormaliger Besitzer, von Beruf Dachdecker, fiel beim Decken eines niedrigen Einfamilienhauses vom Dach. Er zog sich eine Querschnittlähmung zu. Ein halbes Jahr später verlor er seine Frau durch eine Leukämieerkrankung. Daraufhin ließ er seine kleine Wohnung umbauen und trennte sich von einigen größeren Möbelstücken. Der Mahagoni-Schrank war das Lieblingsmöbelstück seiner verstorbenen Frau. Zu viel Schmerz hing daran. Deshalb wollte er sich von ihm trennen und verkaufte ihn für 1000 DM an meine Großeltern.

“Man wächst schon irgendwie zusammen”, sagt meine Oma und streicht dabei liebevoll über die Maserung des Schrankes.

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Foto: Linda Kallsen

Ich denke darüber nach, dass jede einzelne Maserung für eine Erfahrung des Schrankes, einen Schicksalsschlag seiner Besitzer oder eine Beule an meinem Kopf stehen könnte. Meine Oma scheint jede einzelne Eigenheit des Schrankes zu kennen und mit ihren eigenen Erinnerungen zu verbinden. Kann der Schrank all diese Erinnerungen und Gedanken in sich aufnehmen und wie ein Tagebuch oder Fotoalbum speichern? Ich glaube immer mehr daran.

Neben dem alten Mahagoni-Schrank steht ein großes Bücherregal. Es ist moderner und qualitativ nicht so hochwertig. Vollholz ist es wohl nicht, ich erkenne keine Maserung des Holzes. Ich frage meine Großeltern, worin sich die beiden Möbelstücke unterscheiden. Was ist die Besonderheit des Schrankes? “Bei dem Regal ist der Inhalt das Wertvolle”, sagt meine Oma und zieht ein altes Buch aus ihm heraus. “Das Regal ist im Grunde austauschbar”, sagt mein Opa. Es hat keine Eigenheiten, keine Maserungen im Holz, keine gesprungene, aber verzierte Scheibe. Sollte das Regal einmal kaputt gehen, könnte man ein neues kaufen und würde keinen Unterschied merken, solange die gleichen Bücher darin stehen.

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Foto: Linda Kallsen

Es ist also die Individualität des Schrankes, seine Einzigartigkeit, die ihn so besonders und wertvoll für meine Großeltern macht. Ich muss an den bekannten Werbeslogan von IKEA denken: “Wohnst du noch oder lebst du schon?” In dem alten Mahagoni-Schrank steckt so viel mehr Leben als in dem Bücherregal, das es sicherlich so oder so ähnlich bei IKEA zu kaufen gibt. Genau dieses gespeicherte Leben in dem Schrank scheint meine Großeltern glücklich zu machen.

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Foto: Linda Kallsen

Die Achtsamkeit und Wertschätzung mit der meine Großeltern über den Schrank reden, macht mich glücklich und als ich mich gegen Mittag wieder auf den Weg mache, bin ich froh, die Geschichte des Schrankes und all die Erinnerungen meiner Großeltern gehört zu haben. Nicht nur, weil ich ihn fortan nicht mehr nur mit längst vergangenen Beulen an meinem Kopf verbinde, sondern weil es mir scheint, als sei es meinen Großeltern ein großes Anliegen, dass der Schrank noch viele Jahrzehnte ‘weiterlebt’, auch wenn sie einmal umziehen und ihn dieses Mal nicht mitnehmen werden.

 

 

 

 

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