Die Enkelcouch

Die Geschichte einer Couch

Dazu gehört auch ein Stückchen Vorgeschichte, als die Couch noch gar nicht existierte, und die handelt von meinen Eltern. Sie lebten damals in der DDR, und weil sie ihr Leben nicht mehr selbständig bewältigen konnten, wollten sie gern zu uns ins niedersächsische Zeven kommen, wo wir auch schon zwei Zimmer in einem Altenheim reservieren konnten. Rentner ließ man damals, im Gegensatz zu allen anderen, nach Westen ausreisen. Es war 1971. Einen Plan von den bereitstehenden Stübchen bekamen sie von uns schon zugeschickt – er gefiel ihnen gut, nur eines hätten sie zu der vorhandenen Einrichtung noch gern: eine Couch. Darum ließen sie sich so ein Ding anfertigen, und während alle bisher vorhandenen Möbel verkauft oder verschenkt wurden, ging diese Couch mit auf die Reise in das neue Domizil. Durch einen sagenhaften Papierkrieg hindurch! Wie jedes einzelne Kleidungs- oder Wäschestück, jedes Buch, jedes Notenblatt, das mitgehen sollte, musste natürlich auch die Couch aufgeschrieben und der zuständigen Behörde zur Genehmigung für die „Ausfuhr“ vorgelegt werden. In dreifacher Ausführung! Strapaze. Doch schließlich gelang es, es kam, wenn ich mich recht erinnere in einem versiegelten Container, in Zeven an. Die beiden konnten einige Jahre hier glücklich leben, einschließlich der Mittagsruhe auf ihrer Couch.

Nach ihrem Tod landete diese in unserer Wohnstube, gleich neben dem Esstisch. Gern streckten wir uns manchmal auf ihr lang. Doch dann geschah etwas Unerwartetes. Kinder und Enkel kommen hier ja immer wieder zu Besuch, und wenn wir eine Zeitlang miteinander am Tisch gesessen und gegessen, vielleicht auch gespielt und geklönt hatten, saust einer der Enkel auf die Couch und nimmt sie in Besitz, bevor ein anderer das tut. Na ja, sie liegen auch schon mal zu zweit darauf. Längst hat sie den Namen „Enkelcouch“. Übrigens war auch schon unsere Urenkelin Lisa hier und hat ihren Stoffhund darauf gebettet. Von den ersten Besitzern also die Ururenkelin – fünfte Generation.

Nun sind wir bald in der Lage wie einst meine Eltern, dass wir in dieser Wohnung nicht mehr zurechtkommen. Das macht uns überhaupt nicht traurig. Gespannt sind wir aber, was Gott weiter mit uns vorhat. Wenn wir hier verschwinden, wohin auch immer, wird der Haushalt aufgelöst, dann werden die Kinder und Enkel kommen, um zu gucken, was sie von all den Dingen gebrauchen können. Ob auch einer die Enkelcouch mitnimmt, dieses Erinnerungsstück an eine glückliche Zeit? Auch darauf kann man gespannt sein.

Horst Well

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