Das Bücherregal der Hexe vom Hainberg

Eine Geschichte von Reinhard Well

Um was für ein Möbelstück handelt es sich? 

Um ein Bücherregal.

Wann und wie bist du in den Besitz des Möbelstücks gelangt? 

Ca. 1993.

Welches Detail magst du an dem Möbelstück besonders? 

Das schlichte, dunkle Holz mit den Gebrauchsspuren und natürlich die coolen Füße.

Welche Gefühle entstehen bei dir, wenn du dein Möbelstück betrachtest oder verwendest? 

Ich freue ich über seine Geschichte. Und dass es bei uns im Wohnzimmer eine Auswahl der Bücher und Fotoalben beherbergt, die Anke und ich in 34 Jahren zusammen getragen haben.

Hast du eine lustige Anekdote oder einen besonderen Moment mit dem Möbelstück erlebt? 

Auf meine Kleinanzeige mit Regalgesuch meldete sich eine Dame und teilte mit, sie hätte ein paar einfache, recht alte und unansehnliche Regale gratis abzugeben, was mich als studierender Vater von zwei Kindern angesichts unserer Haushaltslage mit Vorfreude erfüllte. In einer fast leer geräumten Altbauwohnung zeigte sie mir fünf, für meine Begriffe sehr schöne, alte Regale. Die habe ihr kürzlich verstorbener Vater von einer Frau Salomé übernommen, deren Biograph er zuletzt war. 41+cdHHzrpL._SX255_BO1,204,203,200_ Sie schenkte mir die Regale unter der Bedingung, dass ich ein Exemplar dieser Biographie (über Lou Andreas-Salomé, von Ernst Pfeiffer) auch nehmen würde.  Mit meinem Fahrradanhänger bin ich dann mehrfach gefahren, um die Regale abzutransportieren. Zwei davon gingen an meine Nachbarin, da wir nicht genug Platz für alle hatten.

Irgendwann habe ich mich dann mit der Biographie befasst und verstand, dass ich da die Möbel einer ganz besonderen Frau erhalten hatte. Einige Jahre später sind wir dann in Göttingen umgezogen, und mir kam unsere neue Altbauwohnung irgendwie bekannt vor: es war die ehemalige von Ernst Pfeiffer. Die Regale sind also wieder an ihren vorherigen Ort zurück gekommen. 

Nach zwei weiteren Umzügen wohnen wir nun in Göttingen im schönen Ostviertel auf dem Hainberg. Die Psychoanalytikerin Lou Andreas-Salomé wurde in ihrer Zeit auch schon mal als „die Hexe vom Hainberg“ bezeichnet, wohl weil ihr Verhalten in ihrer Epoche ungewohnt selbstbewusst rüber kam. Abendspaziergänge führen uns jetzt oft zum Lou-Andreas-Salomé Weg, der dort beginnt, wo bis 1972 ihr letztes Wohnhaus stand. Von der Existenz der Regale habe ich dem Lou-Andreas-Salomé-Institut für Psychoanalyse in Göttingen noch nichts mitgeteilt, sonst entstehen da am Ende noch Begehrlichkeiten. Und am Ende kommen die noch mit einer tiefenpsychologischen Deutung, etwa warum ich von der Dame nicht loskomme.

Wieso macht das Möbelstück dein Leben reicher? 

Weil ich das Gefühl nicht los werde, das Regal hat wie seine erste Besitzerin seine eigenen Pläne und meint es immer gut mit uns.

DSCN5665
Foto: Reinhard Well

Ein Gedanke zu “Das Bücherregal der Hexe vom Hainberg

  1. Lieber Rati
    Dass ist ja eine nette Geschichte. Wenn du mal knapp bei Kasse bist hast du ja immer noch die Möglichkeit dieses besondere Regal mal bei dem Lou-Andreas-Salome Institut anzubieten. Allerdings erst nach meinem nächsten Besuch. Das Regal muss ich mir nun doch noch mal genauer ansehen….

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